Ich hatte da ein ganz mieses Gefühl. Oder: Ich habe es gewagt, „Indiana Jones“ zu schauen.
Vorab: Dieser Text ist völlig frei von Spoilern!
Es war der 19. Mai 1999 als George Lucas mit seiner Selbstdemontage begann. Es war der Tag, an dem in Amerika „The Phantom Menace“, der erste Teil der Star Wars-Prequel-Trilogie, anlief und alle in sich gesteckten Erwartungen nicht erfüllte.
George Lucas, der 1977 mit „Eine neue Hoffnung“, dem ersten Teil der klassischen Star-Wars-Trilogie im Handstreich das Kino revolutioniert hatte, dachte Ende der 90er, gute 20 Jahre nach Episode IV das gleiche erneut tun zu können. Sein Allheilmittel hieß CGI und dies sollte ihm, nach eigener Auskunft, endlich dazu befähigen, die Teile der Star-Wars-Saga zu erzählen, die ihm noch fehlten. Endlich konnte er seiner Fantasie freien lauf lassen. Endlich könnte er die ganze Geschichte erzählen. Und das tat er, also: Seiner Fantasie freuen lauf lassen. Was er leider nicht tat, war eine Geschichte zu erzählen. Zumindest keine besonders gute.
Im Nachhinein wurde viel darüber geunkt, woran das lag und der Konsens hieß letztlich: Er kann es nicht! Was man nämlich ganz vergessen hatte war die Tatsache, dass in der klassischen Trilogie Lucas lediglich zum ersten Teil das Drehbuch und die Regie beigesteuert hatte. Für die beiden anderen Teile hatte er andere ins Boot geholt, die seine Fäden gekonnt aufnahmen und ein schlüssiges Universum erschufen. Sowohl Drehbuch schrieben als auch Regie führten. Er lieferte die grobe Handlung. Ideen. Visionen.
Vermutlich wollte er dann das Denkmal, dass er sich durch Episode IV-VI längst gesetzt hatte, mit der neuen Trilogie vergolden indem er sich sowohl für Buch als auch Regie aller drei Filme verantwortlich zeichnete. Dabei ist er auf ganzer Linie gescheitert. Die Dialoge waren hölzern, die Charaktere langweilig bis unglaubwürdig, die Szenen griffen nicht ineinander. Alles wirkte wie mit Spucke zusammengehalten und konnte zu keinem Zeitpunkt den Zauber von „Früher“ versprühen.
Obi CGI Kenobi, Ihr seid unsere letzte Hoffnung!
Auch die von ihm so hochgehaltenen Möglichkeiten der Computer-Animation konnten über diese Schwächen nicht hinwegtäuschen. Eher im Gegenteil: Viel zu häufig wirkten sie noch künstlicher als die Handlung und die Figuren. Mit Grausen erinnere ich mich an die Szenen auf dem Wasserplaneten in Episode II! Das was da schwappte sah wie alles mögliche aus. Aber nicht wie Wasser. Oder diese Elephanten-Dinger in der Liebes-Szene. Oder Jar-Jar Dings-Bums. Nein. Da war die Macht nicht mit George.
Und dann drohte er mit „Indiana Jones 4“
Zuerst freute ich mich auf einen vierten Teil der Indy-Reihe. Spielte doch besonders der dritte Teil „Der letzte Kreuzzug“ eine für mich wichtige Rolle in meiner cineastischen Entwicklung und halte ich diesen noch immer für ein Meisterwerk des Popcorn-Kinos. Sogar für besser, weil komplexer und vielschichtiger als Teil 1. (Auch wenn man sowas eigentlich nicht darf, weil dann sofort die Popkultur-Pessimisten auf die Barrikaden steigen.) Eventuell liegt es aber auch nur daran, dass „Der letzte Kreuzzug“ der erste Teil der bisherigen Trilogie war, den ich im Kino gesehen hatte und der deshalb den größten Eindruck hinterlassen konnte. Und so fixte mich dieser Film an und ließ mich 19 Jahre ohne eine weitere Indy-Fortsetzung darben.
George, ich warne Dich!
Als ich nach der Ankünding von „Königreich des Kristallschädels“ hörte, woran dessen fast zwanzigjährige Verzögerung lag und die Star Wars-Erfahrung hinzuziehend, wurde mir dann doch mulmig: Eigentlich hatten sich sowohl der eigentliche Regisseur Spielberg und der Hauptdarsteller Ford immer gegen eine Fortsetzung ausgesprochen. Doch irgendwie konnte sich der dritte im Bunde durchsetzen. Und der hieß George Lucas! Als dann noch durchsickerte, dass einige sehr gute Drehbuchansätze nicht akzeptiert wurden und letztlich George Lucas auch hier seine Vorstellungen verwirklichen konnte, hatte ich den Film so gut wie abgehakt. Ich hatte keine Lust mehr. Und ich wollte mir meine Indy-Erinnerungen nicht kaputtmachen lassen.
Es war dann die pure Verzweiflung, die mich doch ins Kino trieb. Ich meine nicht irgendeinen inneren Zwang, den Film doch sehen zu wollen. Vielmehr der Umstand, tagelang zuviel gearbeitet zu haben und frei von jedem Ausgleich zu sein, gab mir den entscheidenden Impuls. Meine Mädels verabschiedeten sich gegen 22 Uhr ins Bett und so saß ich alleine da und dachte: Gehst Du mal ins Kino. Mal wieder so ganz alleine. Wie früher. (Ich liebe es alleine ins Kino zu gehen. Ich kann die Filme sehen, die ich will. Keine quatscht mir dazwischen. Ich kann solange sitzen bleiben wie ich will. Niemand fragt direkt nach dem Verlassen des Saals „Uuuund?“ Super. (Gut! Ein recht kurzfristigter „Wer kommt mit?“-Ruf über Twitter 30 Minuten vor Filmstart Twitter blieb erfolglos. Dennoch.) Die Entscheidung des Films fiel dann leicht. Aufgrund fehlender Alternativen (SATC will ich auf jeden Fall mit Steffi sehen.) ging ich doch misstrauischen Herzens in Saal 3 zum „Königreich des Kristallschädels“. Ich will es kurz machen: Ich wurde reichlich belohnt!
Und dann kam die Musik ... und so.
So nach und nach, während der Film ablief gingen mir auch die Lichter auf, weshalb meine Befürchtungen unbegründet gewesen waren:
- Indiana Jones hatte niemals denselben Zauber, wie Star Wars es gehabt hatte . Sondern seinen eigenen. Star Wars war mehr als nur eine Geschichte. In Star Wars steckten Weisheiten, Ideen, Moral und Ideale. Indiana Jones war immer nur Entertainment. Kino zum Staunen und Lachen. Popcorn at it's best. Mit überzeichneten Figuren (Die Nazis aus „Jäger des verlorenen Schatzes“ und „Der letzte Kreuzzug“ waren so ziemlich die stereotypsten Nazis jemals.), überzogenen Ideen (Ein Herz mit der Hand aus dem Körper reißen? Also bitte!) und zwei schmunzelnden Augen (Der Tempelritter, der den Gral bewacht ist im Prinzip ein lustiger Kerl.) Demnach waren eigentlich all die Dinge, die Lucas an Star Wars falsch gemacht hat prädisteniert für Indy.
- Die Charaktere haben sich nie weiterentwickelt, weil sie es nicht mussten. Und deshalb konnten sie auch nicht zuende erzählt werden. In einigen Blogs konnte man lesen, dass die Indiana Jones-Saga einen würdigeren Abschluss verdient hätte. Erst einmal fällt es schwer von einer Saga zu reden. Es ging niemals darum, eine geschlossene Geschichte zu erzählen, wie es bei Star Wars der Fall gewesen war. (Oder, um abzuschweifen, bei Rocky oder Rambo, wo es gelungen ist.) Keiner der drei bisherigen Teile hat sich bedingt. Alles was in „Jäger des verlorenen Schatzes“ stattfand hatte keine prinzipielle Auswirkung auf den „Kreuzzug“. Alles drei waren Unterhaltungsfilme. Mehr ist „Königreich“ auch nicht. Aber auch nicht weniger.
- Die wichtigste Figur ist dabei. In der Prequel-Trilogie von Star Wars tauchen nur wenige Charaktere der klassischen Trilogie auf. Und wenn, sind es noch nicht einmal die wichtigsten. Sicherlich, C3PO und R2D2 waren schon in IV-VI essentiell wichtig. Aber sie waren es nicht die, um die es eigentlich ging. Han Solo, Luke Skywalker, Leia Organa, der erwachsene Darth Vader. Die fehlten. Und so musste Ersatz geschaffen werden. Aber keine der neuen Figuren konnte es ansatzweise mit dem Kult aufnehmen, den diese Figuren über Jahrzehnte um sich aufgebaut hatten. Bei Indiana Jones ist das anders. Hier war immer nur Indy die Hauptfigur. Und der ist ja dabei. In allen drei Filmen waren jeweils völlig andere Figuren an seiner Seite (von Brody mal abgesehen. Das dann noch Marion Ravenwood aus „Jäger des verlorenen Schatzes“ auftaucht bildet eher eine willkommene Klammer als das es schadet.) Alle weiteren Figuren, die in den vorherigen Filmen eine Rolle gespielt haben (Brody, der alte Jones, die Nazis), werden gebührend erwähnt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
- Die Regie übernahm erneut Steven Spielberg. Und nicht Lucas. Wenn einer der verdientesten Regisseure unserer Zeit sich so eines Films annimmt, sind vielleicht sogar Schwächen im Drehbuch auszugleichen. Aber das musste er nicht. Denn wie auch bei den anderen beiden Filmen wurde das eigentliche Buch nicht von Lucas geschrieben. Er fungierte lediglich als Ideengeber im Hintergrund. Das hatte er bereits bei Star Wars Episode IV und Indy I-III gemacht. Mit historisch gesichertem Erfolg. Und auch im „Königreich“ ist die Geschichte völlig in Ordnung. Sie erfindet Indiana Jones nicht neu, sie kommt einem sogar bekannt vor. Aber so war es ja vorher auch schon. Oder ist der Gral nichts anderes als die Lade und der alte Jones ein Ersatz für Marion?
- Der Film ist unrealistisch, überzogen und kindisch. Gottseidank!
Ausgleich gelungen
In jedem Fall fühlte ich mich für zwei Stunden prächtig unterhalten. Und natürlich könnte ich mich noch über einige Schwächen auslassen wie die miesen Effekte in der „Kühlschrank“-Szene (die ansonsten aber super ist) oder die unsägliche Idee mit den Lianen. Aber das sind Kleinigkeiten, die einen überzeugten Gesamteindruck nicht entscheidend schmälern können. Nein. Spielberg und Lucas haben bewiesen, dass sie noch immer gut unterhalten können.
Ich habe Zerstreuung gesucht und sie gefunden.
Jetzt bin ich gespannt hierauf.
1 Kommentare (s.u.) wurden bislang dazu hinterlassen. ... Trackback-Link
Auch einen Kommentar schreiben?
Ohne ihn gesehen zu haben würde ich mich dem anschließen. Genau das ist es ja, was man an Indiana Jones gut findet (ähnliches gilt übrigens sehr für James Bond, wirklich!), sehr schön festgestellt. Wurde mir jetzt grad die Tage von Ralph bestätifiziert.
Dies hier ist schamlos und komplett von _ben geklaut. Der findet das aber großartig.














